Es
lebe meine eigene Souveränität!
Die Tarnkappe
Es ist einfühlbar, dass jene Sorte Mensch, welche die Welt
beherrscht, immer ausgeklügeltere Formen der Macht ausheckt,
um sie sich zu bewahren. Die Fiaski der Vergangenheit sollen sich
nicht wiederholen. Das früher übliche Schicksal der Könige
lädt kaum mehr ein, nach der Krone zu greifen. Sind Ihro Majestät
nicht meuchlings erdolcht, im Kampfe erschlagen oder auf dem Schafott
geköpft worden, lag ihr die ständige Angst im Nacken, irgendein
dahergelaufener Emporkömmling werde sie vom Throne jagen. Die Burgen
mochten noch so fest, die Wächter und Kanonen noch so zahlreich,
die den Unbotmässigen angedrohten Sanktionen noch so abschreckend
sein, die Herrschaft blieb ewig wacklig. Um ihre Haut zu retten,
musste nun endlich ein System her, welches ihnen Macht und Leben
zugleich garantierte. Warum denn, werden sie sich gefragt haben,
sollen wir uns als lebendige Zielscheiben präsentieren? Machen
wir uns doch unsichtbar!
über die Erfindung der Demokratie ist ihnen dies auf scheinbar
geniale Weise gelungen: Mit grossem Pomp haben sie ihre Untertanen
auf den Königsstuhl gesetzt, während sie sich selbst diskret
verzogen haben. Die Meidung der Öffentlichkeit wurde fortan eines
ihrer obersten Prinzipien.
Der frischgebackene "Souverän" muss sich wie der
Hans im Glück vorgekommen sein! Seit Urzeiten hatte das gebeutelte
Volk nichts als Mühsal zu erdulden. Nicht nur kämpfte
es um seine eigene karge Existenz, nein! - auch die Herren waren
mitzufüttern.
Wer liesse sich da zweimal bitten, die gefrässigen Schmarotzer
loszuwerden?
Die Verwirrung
Jetzt sind wir die Herren, jubelte das Volk. Wir wählen unser
Parlament, die Regierung und die Richter.
Und es wählte munter drauflos.
Wir sind frei! Das Leben wird besser!
Die Jahre zogen ins Land und das Volk fühlte sich erbärmlich.
Begann es sich aufzuregen, stand prompt in der Zeitung, den Menschen
in Russland und anderswo ergehe es himmeltraurig. Das Volk fand
ein paar Augenblicke lang Trost im Elend der anderen. Sobald die
Zweifel weiternagten, las es die Frage, ja wollt Ihr denn Zustände
wie in Russland? Da es - wie gesagt aus der Zeitung - schon wusste,
dass die Zustände dort schrecklich seien, lehnte es dankend
ab. Auch ins finstere Mittelalter wolle es nicht zurückfallen,
beteuerte es, wenn die Geschichtsprofessoren über die damalige
Barbarei zu berichten pflegten. Wiewohl das Volk weder in Russland
selbst nachgeschaut, geschweige denn im Mittelalter gelebt hatte,
glaubte es treuherzig allen Autoritäten.
Wir besitzen die idealste Staatsform, welche man sich überhaupt
vorstellen kann, die Demokratie! Warum bloss herrscht trotzdem dieses
tägliche Chaos, dieser unsägliche Stress? Was - zum Teufel - ist
denn eigentlich los?!
Die Antwort ist verblüffend einfach.
Der Betrug
Das Szepter ist dem Volk ohne die Reichskasse übergeben worden!
Diese - gefüllt mit all den unermesslichen Schätzen der Gegenwart
und der Vergangenheit - haben die Mächtigen für sich behalten. Das
Volk blieb arm wie eine Kirchenmaus!
Ihre Vermögen haben die Herren in die "sociétés anonymes"
(SA), die Aktiengesellschaften eingebracht. Dreist haben sie sich
in den Verfassungen garantieren lassen, dass ihr gesamter Besitz
unantastbar sei und sie damit frei schalten und walten können.
Wie man weiss, haben sie davon reichlich Gebrauch gemacht und überall
dort, wo offiziell und auf dem Papier die Demokratie steht, eine
einzige Maschinenfabrik samt allem Drum und Dran errichten lassen.
Gebaut hat sie das Volk. Und wer bedient sie? Das Volk!
Eroberungskriege sind nicht mehr nötig. Im Auftrag der überall
und nirgendwo residierenden Herren beliefern die "demokratischen"
Völker die gesamte Welt mit massenhaft produziertem Schund und Schutt.
Das Untertanenverhältnis der Käufer stellt sich über
den Preis der Ware her: Bezahlen kann nur, wer sich zuvor mit seiner
Arbeitskraft den Herren verkauft hat.
Miserere nobis
Die Babylonier, ägypter, Griechen, Römer, all die Kaiser im Süden,
Westen, Norden und Osten haben seit jeher die Völker in ihre Gewalt
genommen. Ein scharfer Blick in die heutige Zeit belegt, dass -
von den neuen Namen der Systeme abgesehen - alles beim Alten
geblieben ist. Die Herren von Amerika, Russland, China oder anderswo
lassen sich von ihren Leibeigenen bedienen und sie beherrschen mit
ihnen ihre Hemisphären.
Die Bilanz ist ernüchternd. Trotz heftigstem Bemüh'n sind
bis heute alle Pröbeleien, die Volksherrschaft einzurichten, gescheitert.
Wer wohl käme da noch auf den Gedanken, man solle doch jetzt
endlich die Demokratie verwirklichen. Ganz offensichtlich verträgt
sie sich nicht mit der Natur des Menschen: Ein paar Hammel wird
es immer zwicken, die Herde anzuführen. Als Probe aufs Exempel
mag die Schweiz dienen. Nach siebenhundert Jahren "Demokratie"
tummeln sich dort lauter Plutokraten. Sie sind zu Meistern ihres
Faches aufgestiegen. In ihren Pfoten halten sie nicht nur ihr eigenes,
sondern sie verwalten auch noch die Blutgelder ihrer ausländischen
Kollegen.
Nieder mit der Diktatur der Plutokraten!
Die Volksherrschaft erweist sich als Illusion. Knecht will auch
niemand sein. Fallen folglich als Staatssysteme die Herrschaft aller
und die Herrschaft Einzelner über die anderen ausser Betracht, bietet
sich als ideale Form des Zusammenlebens die Herrschaft des Einzelnen
ausschliesslich über sich selbst geradezu an.
Warum wohl bloss ist denn jetzt augenblicklich die Hölle los?
Es sind die amtierenden Herren, welche zetern und schreien: "Jetzt
kommt doch da schon wieder einer, der uns die Anarchie andrehen
will!"
Ihre helle Aufregung ist begreiflich. Seit jeher haben sie sich
bedienen lassen. Sie haben es verlernt, eigenhändig die äcker
zu bestellen und sich selbst zu ernähren. Gäbe es niemanden
zu dominieren, keine Lakaien mehr, würden sie glatt verhungern!
Zum Wesen der Monarchie zählt die Dienerschaft. In der Demokratie,
so wie sie sie dulden, ist das haargenau gleich. Die Anarchie jedoch,
welche die Herrschaft über jeden andern ausschliesst, zwingt
zur Selbständigkeit. Diese Eigenschaft fehlte den Monarchen.
Auch ihren Nachfolgern, den heutigen Plutokraten, ist sie wesensfremd.
Unfähig, für die eigene Existenz zu sorgen, müssen
sie auf Gedeih und Verderb um den Erhalt jenes Systems kämpfen,
welches sie füttert und ihnen all die übrigen Annehmlichkeiten
verschafft, von welchen sie abhängig sind. Entsprechend wettern
sie gegen alles, was ihre Herrschaft über die Menschen in Frage
stellt. Es ist ihnen schon damals, als sie ihre "Demokratie"
vermarktet haben, gelungen, die Anarchie als Schreckgespenst an
die Wand zu malen, zum Schimpfwort werden zu lassen. Gegen die Demokratie
hatte sie keine Chance. Heute, nachdem das Scheitern der Demokratie
eindeutig feststeht, sieht die Sache schon ein bisschen anders aus.
Demokratie hat's nicht nur nie gegeben, sie ist auch theoretisch
und praktisch ein Ding der Unmöglichkeit: Niemals nämlich können
alle zugleich über ihre Bedürfnisse entscheiden. Man braucht
sich bloss vorzustellen, jeder dieser paar Milliarden Menschen auf
der Erde würde gleichzeitig seine aktuellen Wünsche äussern.
Ein unvorstellbares Durcheinander wäre die Folge. Die Ewigkeit
würde nicht ausreichen, um in Abstimmungsprozeduren alle Vorschläge
einander gegenüberzustellen.
Realität ist - trotz demokratischer Verfassungen - die Herrschaft
Einzelner über die andern. Auch dort, wo das Volk abstimmt,
sind es jeweils nur einzelne, welche mit ihren Fragen und damit
ihren Interessen durchdringen. Ein Gesetz entsteht ja nie gleichzeitig
in den Köpfen aller, sondern es ist in seinem Ursprung die Ausgeburt
eines einzigen Hirns. Sein Erfinder hebt sich mit einer typischen
Eigenschaft vom Gros der Masse ab: In der anstehenden Auseinandersetzung
verfügt er über die erforderliche Macht, sein Gesetz durchzupauken.
Alle übrigen bleiben mit ihren Vorstellungen auf der Strecke.
Die "Herrschaft" der Abgeschlagenen reduziert sich letztlich
darauf, dem Einzigen zuzustimmen, um so für sich in Anspruch
nehmen zu können, "wir sind auch dafür gewesen".
Damit sitzen sie ganz hübsch in einer doppelten Falle: In der
eigenen und in jener des Gesetzesschmiedes.
Wie sieht so eine Falle aus?
Pflücken wir aus dem Gesetzeswald irgendein Beispiel heraus: Das
Schuldbetreibungsgesetz. Es besagt, dass ein "Gläubiger"
- das ist einer, der von einem anderen Geld zugut hat - seinem zahlungsunwilligen
"Schuldner" den Betreibungsbeamten ins Haus schicken und
ihm das Geld oder geldwerte äquivalente nötigenfalls mit Gewalt
wegnehmen kann.
Wie hinlänglich bekannt ist, besitzt nur eine verschwindend kleine
Minderheit das "grosse Geld", während eine Mehrheit der
Menschen dieser Minderheit Geld schuldet.
Wie nun um alles in der Welt kann eine Mehrheit so blöd sein, einem
Gesetz zustimmen, welches sie verpflichtet, ein paar wenigen ihre
enormen Schulden zu bezahlen?!
Ganz einfach. Die Geldherren haben das Schuldbetreibungsgesetz mit
einem plumpen Trick in die Seele des Volkes geschmuggelt: "Wer
Geld hat, braucht nicht zu arbeiten, sondern kann bequem von den
Zinsen leben. Geld aber könnt Ihr alle besitzen. Leiht Ihr es aus
und zahlt Euch der Schuldner weder Geld noch Zins, könnt Ihr ihn
dazu zwingen. Voraussetzung ist allerdings, dass ihr gegen das vom
Parlament beschlossene Schuldbetreibungsgesetz nicht das Referendum
ergreift."
Die Augen des Volkes begannen hoffnungsfroh zu leuchten. Endlich
bot sich die ersehnte Möglichkeit, dem Elend hienieden zu entrinnen.
Wer hätte da noch gegen das Gesetz sein können?
Die Geldherren aber, die so redeten, waren sich nicht einen Augenblick
lang im Unklaren darüber, dass die Masse nie Geld haben würde,
- weil nämlich sie es schon besassen. Eine Absicht, das Geld
unter das Volk zu streuen, bestand nie. Gegenteils wurde und wird
es wie die Augäpfel gehütet. In Tresoren aus Beton und
Stahl liegt es tief unter der Erde. Portionenweise wird es den Schuldnern
als Kredite zur Verfügung gestellt. Bleibt einer mit der Zins-
oder Rückzahlung im Verzug, ist da der famose Betreibungsbeamte,
welcher dem Säumigen Beine macht. Das Schuldbetreibungsgesetz
leistet den Geldherren ausgezeichnete Dienste. Es hat die Funktionen
der Vögte samt ihren Landsknechten übernommen, welche ehedem
den Zehnten einzutreiben hatten.
Das Ergebnis der kleinen Analyse liefert keine Gründe gegen die
Anarchie, sondern deckt lediglich die höchst selbstsüchtigen Interessen
der Plutokraten auf. Mit ihrer Geldmacht beherrschen sie die Menschen
auf dieser Welt.
Stellt man einen Anarchisten und einen Plutokraten nebeneinander,
schneidet jener entschieden besser ab als dieser. Das Paradebeispiel
des Anarchisten ist der Bauer, der nur gerade zwischen seiner Hütte
und seinem Stück Land hin- und herpendelt, seine eigene Quelle
oder Zisterne besitzt, an keine Strasse oder elektrische Leitung
angeschlossen ist und absolut keinen Handel betreibt. Der Prototyp
des Plutokraten ist der Unternehmer, welcher die Hütte des
Anarchisten niederreissen und auf seinen Wiesen und äckern
eine Fabrik erstellen lässt, welche die Organisation und Infrastruktur
einer ganzen Stadt und schliesslich der ganzen Welt bedingt.
Es ist klar, dass das ausser den Unternehmern und ihren profitierenden
Lakaien eigentlich niemand will. Nieder also mit den Plutokraten.
Damit wird der Weg frei, Unseren Freistaat, wie Wir ihn meinen,
zu proklamieren.
Dann wollen wir mal.
Es lebe unsere eigene Souveränität!
In unserem Staat gibt es keine Könige und Untertanen, keine Herren
und Knechte, keine Direktoren und Untergebenen, keine Chefs und
Angestellten, kurz - keine über- und Unterordnungsverhältnisse.
Er zeichnet sich dadurch aus, dass er dieses Papier, welches sich
Verfassung nennt, nicht kennt. Warum sich denn auch von einem solchen
Fetzen in der unendlichen Vielfalt des Lebens einschränken
lassen? Was gestern galt, mag schon heute überholt sein. Täglich
hätten wir Papierchen aus- und einzureihen? Fällt uns
nicht im Traume ein!
Unser Staatsgebiet ist von der Grösse einer Schuhsohle. Das verschont
uns vom Neid unserer lieben Nachbarn. In der ganzen Menschheitsgeschichte
ist kein einziger Krieg um ein so kleines Territorium überliefert.
Luftraum in seiner strategischen Bedeutung kennen wir nicht. Im
Verlaufe unseres Lebens schwillt sein Volumen langsam an, um dann
wieder zu schrumpfen und am Ende ganz zu verschwinden. Statt dessen
beanspruchen wir für die Zeitspanne unseres Vermoderns einen
Platz unter der Erde. All das macht uns ebenfalls niemand streitig.
Wie gross unser Staatsvolk ist, lässt sich anhand der Beschreibung
unserer Grenzen nach der Seite und nach oben und unten leicht abschätzen.
Wir brauchen keine Zähler, Statistiker oder Rechenmaschinen:
Ein Finger genügt.
Bei einer solchen Unzahl Mensch sind die Chargen schnell verteilt.
König ohne Knecht, Knecht ohne König, ein bisschen Narr, ein bisschen
Wicht, ein bisschen von allem. Einen Finanzminister brauchen wir
nicht. Wir arbeiten nicht mit Geld, sondern mit Rumpf, Kopf, Händen
und Füssen.
Im Idealfall (auf die Realität werden wir noch zurückkommen) bauen
wir uns eine Hütte, schwingen wir die Hacke und fertigen wir Kleider.
Handel treiben wir prinzipiell keinen; denn da muss man bescheissen
oder man wird beschissen.
Weil wir keinen Säbel besitzen, können wir damit auch nicht rasseln.
Unser Heer ist genau einen Mann stark, dito unsere Polizeitruppe.
Im Krieg werden wir entweder übersehen oder aber jede Armee zieht
wieder ab, weil sie sich vollkommen lächerlich machen würde, uns
anzugreifen. Unsere Schuhsohle reizt niemanden, zu verteidigen haben
wir nichts. Die Drohung, unsere Frau würde vergewaltigt und unser
Kind geschändet, beeindruckt uns nicht. Wer uns erobern will, muss
keine Soldaten monatelang in den Kasernen schinden, um so ihre primitivsten
Instinkte auf Weissglut zu steigern.
Unser Teilzeitminister für auswärtige Angelegenheiten kennt kein
Protokoll. Die Begegnung mit Angehörigen fremder Staaten, seien
sie gleich gross, wie der unsere oder grösser, wird von Fall zu
Fall geregelt. Wer bei uns das Gastrecht erwirbt, hat auch einen
Freund gewonnen.
Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, einen gewaltsamen Tod
zu erleiden. Was kümmert's uns. Mit einem friedlichem Sterben erreichen
wir die Ewigkeit jedenfalls nicht eher.
Die Realität
Wir haben zweifellos eine ziemlich abgefeimte Staatsräson. Auch
wenn uns noch irgendwer als Bürger beanspruchen sollte, wäre mit
uns jedenfalls kein Staat zu machen.
Wie wir so durch alle Stürme und Flauten des Lebens schaukeln,
bleibt jedoch ziemlich unklar. Es tönt alles ein wenig nach Urwald,
untauglich für das dritte Jahrtausend.
Die Praxis wollen wir mit ein paar biographischen Notizen erläutern.
Das Kaff
Tatsächlich sind wir nicht als Höhlenbewohner oder Pfahlbauer geboren
worden. Das Licht der Welt haben wir mitten im zweiten Weltkrieg
in einem Weiler erblickt, welcher in 47° nördlicher Breite und 8°
östlicher Länge liegt.
Ohne unser damaliges oder zukünftiges Einverständnis in
Betracht zu ziehen, wurden wir in eine Kirche geschleppt, mit Wasser
bespritzt und obendrein in ein kommunales Register eingeschrieben.
Wir galten fortan als römisch-katholischer Untertan der helvetischen
Plutokratie. Was das heisst, sollten wir ein rundes Vierteljahrhundert
lang zu spüren bekommen. Nachher haben wir uns zuerst innerlich
und alsbald auch formell von den geistlichen und weltlichen Herren
losgesagt. Da wir jetzt gerade etwas mehr als ein halbes Jahrhundert
auf dem Buckel haben, ist leicht auszurechnen, dass wir je die Hälfte
unseres bisherigen Lebens unter fremder und eigener Herrschaft verbracht
haben.
Der Grossvater mütterlicherseits war Schulmeister, der Grossvater
väterlicherseits war Schulmeister, der Vater war Schulmeister, die
Mutter war Schulmeisterin. Wir sind vom ersten Tag an in die Schule
gegangen.
Oh Herrjemine!
In unserem Bauernkaff waren das halbe Dutzend Höfe und die Käserei
um die Kirche gruppiert. Eine Wirtschaft rundete das Dorfbild ab.
Eine Apotheke gab es nicht, sodass wohl der Wirt, der Pfaff und
der Lehrer die traditionellen drei Mächte - Wirtschaft, Kirche und
Staat - vertreten haben. Von Gewaltentrennung keine Spur. Wir wissen
positiv, dass unser beamteter Vater eifrig sowohl die Kirche als
auch die Wirtschaft frequentiert hat.
Unser Vaterhaus war - es ist nun einmal so - das Schulhaus, welches
allein auf weiter Flur inmitten der Landschaft lag. Es diente gleichzeitig
den Kindern unseres, wie auch eines etwas entfernter liegenden Weilers
als Stätte, in welcher die Plutokraten auf Kosten des Volkes ihr
zukünftiges Personal ausbilden liessen. Das haben wir damals allerdings
noch nicht gewusst.
Unsere Mutter war für die Erst- bis Dritt-, der Vater für
die Viert- bis Sechstklässler angeheuert worden. Die Mutter
machte der Obrigkeit einen Strich durch die Rechnung, indem sie
innert neun Jahren acht Kinder in die Welt warf. Sie wurde durch
zwei Klosterfrauen ersetzt, welche ebenfalls im Schulhaus wohnten
und eifrig darüber mitwachten, uns auf die herrschende Zucht
und Ordnung festzunageln.
Im Beichtstuhl bat unsere Mutter, nachdem das Ausmass des Kindersegens
sich abzuzeichnen begann, um die Erlaubnis, die gängigen empfängnisverhütenden
Praktiken anwenden zu dürfen. Die Bitte wurde abgeschlagen.
Unsere ersten Eindrücke sind das graue, stinkende Gebäude, der Frühling
mit den blühenden Wiesen und die Landstrasse. Dort rollte die grosse
Welt vorbei: Pferdefuhrwerke und als einziges motorisiertes Gefährt
der Lastwagen der "Papieri", so wurde die etwa fünf Kilometer
entfernte Papierfabrik genannt. In periodischen Abständen rumpelte
die mit einem Metallfass beladene Karre über die Naturstrasse. Aus
einem gelöcherten Eisenrohr flossen die bei der Papierherstellung
verwendeten Chemikalien. Zuvor war die Brühe in den Fluss neben
der Fabrik gelenkt worden. Das beobachtete Fischsterben drängte
die neue Entsorgungsart auf. Die Direktoren werden sich gedacht
haben, sie sei weniger aufsehenerregend und erst noch dazu nütze,
das Unkraut der Strasse zu vertilgen.
Wir haben uns in den sich bildenden Giftpfützen gewälzt. Es mag
sein, dass die Bäder uns geholfen haben, das Joch der Herren abzuwerfen.
Unser Vater meisterte nicht nur die Schule, sondern verteidigte
zur Freude seiner deswegen Schulfreiheit geniessenden Schüler auch
sein Vaterland. Sein Klassenzimmer wurde im Jahr unserer Zeugung
als Quartier polnischer Flüchtlinge benutzt. Unsere Mutter hat zeitlebens
von einem polnischen Offizier geschwärmt, sodass eine doppelte Vaterschaft
durchaus nicht auszuschliessen ist. Wir hätten folglich einen Register-
und einen leiblichen Vater. Nach polnischem Recht wären wir vor
unserer Unabhängigkeitserklärung Pole, nach schweizerischem Schweizer
gewesen.
Da haben wir den Salat!
Die enthaltsamen Nonnen und unser zeugungs- und gebärfreudiges Elternpaar
passten schlecht zusammen. Es kam zum letzten Krach, weil - ich
weiss nicht, wer von uns acht der Täter gewesen ist - sich der Inhalt
eines aus dem Fenster geschütteten Nachttopfes auf die Haube der
einen ergoss.
Das Dorf
Unser Vater wurde ins Dorf mit der Papierfabrik versetzt. Früher
hatte sich dort auch eine Milchverarbeitungsfabrik befunden, welche
einem heute weltweit operierenden Lebensmittelmulti gehörte. Diese
Information soll den geplagten Lesern ersparen, auf der Landkarte
nachzumessen, wo denn unser Geburtsort liegt.
Wir waren just reif, in den Kindergarten geschickt zu werden. Eines
Tages fehlte das in der Garderobe aufgehängte Täschchen eines Kamerädleins.
Unsere Hortnerin kündigte an, am nächsten Tag werde der Polizist
kommen, um den Diebstahl zu untersuchen. An jenem Morgen verabschiedeten
wir uns wie gewöhnlich von unserer Mutter. Auf halbem Weg zum Kindergarten
versteckten wir uns in einer Buschhecke, warteten dort die Zeit
der Heimkehr ab und taten zuhause, als ob wir den Hort besucht hätten.
Wiewohl wir die Tat nicht begangen hatten, spornte bereits die Aussicht,
dem Landjäger zu begegnen, zu diesem ungewöhnlichen Verhalten an.
Die Drohungen mit ihm, dem Verrückten, der uns holen werde, der
Hölle und weiss der Kuckuck, mit was noch allem, gehörten zur Tagesordnung
und haben unsere zarte Kinderseele unausweichlich auf den Pfad höchster
"Tugend" geleitet.
Die herrschende Moral verbat unserem Vater, die Ehe zu brechen.
Also traf er sich heimlich mit seinen Mätressen. Um keinen Verdacht
bei unserer Mutter zu wecken, nahm er auch uns mit. Wir wurden von
überaus liebenswürdigen Frauen mit Bonbons, Lese- und Bastelzeug
ausgestattet. Es blieb uns schleierhaft, warum die Damen nach den
lebhaft geschätzten Freundlichkeiten derart unhöflich sein konnten,
uns einfach sitzen zu lassen und mit unserem Vater für eine Weile
zu verschwinden. Wir verstanden die Zusammenhänge auch dann noch
nicht, als wir im Jünglingsalter von einem Richter über solche Einzelheiten
ausgefragt worden sind.
Zum Prozess war es gekommen, weil unsere Mutter den Vater in
flagranti im Bett einer anderen, jüngeren erwischt hatte und
weil ihm in seiner antrainierten Phantasielosigkeit nichts Gescheiteres
eingefallen ist, als auf Scheidung zu klagen. Die erste Instanz
lehnte die Klage ab. Die zweite hiess sie gut. Die dritte liess
die Sache an die zweite zurückgehen. Die zweite bestätigte ihr Urteil.
Die dritte wies die Klage endgültig ab. Fünf Jahre hatte der Kampf
gedauert, die Mutter den Prozess gewonnen und ihren Mann verloren.
Sie hat den Umstand weidlich ausgenutzt, dass die offizielle Moral
ihr recht gab und unseren Vater ins Unrecht versetzte. Fleissig
antichambrierte sie beim Pfarrer und beim Schulpräsidenten. Die
Lage unseres Vaters wurde unmöglich. Er ertrug das tägliche Spiessrutenlaufen
nicht mehr, trennte sich von unserer Mutter, quittierte den Dienst
im Dorf, zügelte in die anonyme Grossstadt und schulmeisterte dort
weiter. Für die Dauer des Prozesses wurde die Familie genau halbiert.
Ein Bub und drei Mädchen wurden dem Vater, ein Mädchen zwei Buben
und wir der Mutter zugeteilt. Sie zog ebenfalls fort und liess sich
in einem Bergdorf als Lehrerin anstellen. Uns internierte sie in
einer Klosterschule.
Die Erziehungsanstalt
Um die Bestialität der deutschen Soldaten zu verstehen, muss man
den Kasernendrill kennen, welchem sie unterworfen gewesen sind.
Die schweizerische Plutokratie erklärt sich am besten mit der Beschreibung
ihrer Erziehungsanstalten.
Das Knabeninternat, welches uns aufschluckt, ist auf einen achtjährigen
Aufenthalt der Zöglinge ausgelegt. Wir treten im letzten Trimester
in die zweite Klasse ein und geraten alsogleich in den Strudel einer
unerhörten Büffelei. Es gibt kein Fach, welches nicht auf dem Programm
steht. Eine Prüfung jagt die andere, am Ende eines jeden Schuljahres
wird der gesamte Stoff noch einmal examiniert.
Der Tag beginnt im Sommer um halb sechs, im Winter um sechs mit
dem alle Träume radikal verscheuchenden Schrillen der in den Schlafsälen
und übrigen Teilen des Gebäudes innen und aussen installierten Glocken.
Ein Aufseher sorgt dafür, dass die schlaftrunkene Bubenschar sich
vollzählig an den Waschanlagen versammelt. Glocke. In der Kapelle
wird die Messe gefeiert. Jeder kniet auf seinem Platz. Nach einigen
Monaten beherrschen wir die Kunst, das quälende Schlafbedürfnis
zu lindern, indem wir uns auf der oberen Leiste der Bank in die
Ellenbogen stützen, den Körper nach vorne kippen und so wenigstens
- zwar ungemütlich, aber immerhin - dösen können. In dieser Position
warten wir sehnsuchtsvoll auf das das baldige Ende der Zeremonien
ankündigende Sanctus. Der Tortur über ein Schwänzen zu entgehen,
ist ausgeschlossen. Die im Rücken postierte Aufsicht kann leicht
jede Lücke in den Reihen ausmachen. Glocke. Erstes halbstündiges
Studium im gleichnamigen Saal. Glocke. Die Herde strömt zum Frühstück
in die Esssäle. Glocke. Die erste Schulstunde beginnt. Glocke. Es
folgen die zweite, Glocke, die Pause, Glocke, die dritte, Glocke,
die vierte, in welcher wir die halben Sekunden zählen, Glocke, das
Mittagessen, die Rekreation, Glocke, das zweite halbstündige Studium,
Glocke, die erste Schulstunde des Nachmittags, Glocke, die zweite,
Glocke, das Zvieri, Glocke, das "grosse", zweieinhalbstündige
Studium, Glocke, kurze Pause, Glocke, Fortsetzung des Studiums,
Glocke, Abendessen, Rekreation, Glocke, letztes halbstündiges Studium,
Glocke, Abendandacht in der Kapelle, sofort anschliessend Waschsaal,
Schlafsaal, 2115 Uhr Lichterlöschen. Am Dienstag und Donnerstag
fallen die beiden Schulstunden am Nachmittag aus, ansonsten volles
Programm. Sonntag ist schulfrei, zusätzliche lange Messe am Vormittag
in der Klosterkirche mit Predigt, nachmittags geführter Spaziergang
in Zweierkolonne und mit Mütze, grosses Studium.
Es war strengstens verboten, unerlaubt das Anstaltsareal zu verlassen
oder gar Beziehungen zum anderen Geschlecht anzuknüpfen. Wer erwischt
wurde, erhielt das consilium abeundi, den "Rat",
die Schule zu verlassen.
Einmal im Jahr wurden Exerzitien abgehalten. Drei Tage lang striktes
silentium, Verpflichtung, sich der Lektüre von "erbaulichen"
Büchern zu widmen, welche aus einer speziellen Bibliothek abgegeben
wurden, pausenlos Predigten und Vorträge von auswärtigen Referenten.
Wir erinnern uns an Pfarrer S., der hemdsärmlig schilderte, wie
er vor seiner "Berufung" zum Priester eine Metzgerlehre
absolviert und die Anfechtungen, Unkeusches zu tun, überwunden hatte,
indem er ein Bündel Brennnesseln über seinen nackten Körper schwang.
Drastisch wurde uns so das Bewusstsein unserer eigenen Schuld und
Sündhaftigkeit eingebläut. Aber nächtens nackt durch die Gänge zu
streichen und draussen, besonders im Winter, nach Brennnesseln zu
suchen, getrauten wir uns nicht. So sündigten wir halt weiter und
erduldeten obendrein die Qualen und Leiden unserer schweren Schuld
und Unvollkommenheit.
Bauernleben
Unsere sämtlichen Ferien, welche in der Anstalt vier Monate dauerten,
haben wir bei Bauern verbracht. Das war noch knapp, bevor die Bauernhöfe
in kleinere oder grössere Maschinenfabriken umfunktioniert worden
waren. Immerhin hatte ein Bauer schon damals - neben seiner eigenen
- vier Familien in der Stadt zu ernähren, damit diese ihr Potential
ungeschmälert in den Dienst der Plutokraten stellen konnten. Wiewohl
also auch wir viermal zu viel arbeiteten, als eigentlich nötig gewesen
wäre, zählten wir in der Anstalt jeweils wie ein Schwerverbrecher
die Monate, Wochen, Tage, Stunden und Minuten, bis wir aufs Land
abhauen konnten.
Heute muss ein Schweizer Bauer, statistisch gesehen, die Mäuler
von zwanzig Städtern stopfen. Die Konsumenten müssen allerdings
mitnichten Schweizer sein. Die Plutokraten karren, schiffen und
fliegen seine Produkte rund um die Kugel. Noch die sinnlosesten
Transporte eignen sich, aus ihnen die Mittel für die Beherrschung
der ganzen Welt zu schlagen. So fressen die Europäer, Amerikaner,
Asiaten, Afrikaner und Australier Schweizerkäse und die Schweizer
Käse aus Europa, Amerika, Asien, Afrika und Australien.
Die nächste Erziehungsanstalt!
Nach den Mönchen vollendeten Universitätsprofessoren der Jurisprudenz
das Werk unserer Erziehung. über der Wilhelmtell-, Morgarten- und
Sempachschweiz begannen die Sterne der Freiheit, der Demokratie
und des Rechtsstaates zu leuchten.
In unserer Seele blieb es dunkel.
Wie schon die fünfzehn Jahre davor hatten wir - statt unseren natürlichen
Bewegungstrieb auszutoben - auf Schulbänken zu kleben. Die Atmosphäre
in den Hörsälen war unerträglich. Gegen die trocken servierte Theorie
verteidigte sich unser Organismus wacker mit unbezwingbarem bleiernem
Schlaf.
Wir versuchten, uns auf eigene Faust kundig zu machen, stöberten
in der Bibliothek des juristischen Seminars herum und griffen uns
aus den immensen Regalen einen Bundesgerichtsentscheid heraus.
Hilfe - die Chinesen haben uns erobert!
Die abstrakte Hirnakrobatik war nicht nur schlicht unverständlich,
sondern auch ungeniessbar. Kein Wunder, dass - wenn Juristen unter
sich sind - deren Ehefrauen durch Abwesenheit brillieren. Das Geschwätz
ist nicht zum Aushalten.
Wir sannen nach einer Methode, um uns nach all den schon eingetrichterten
Fremdsprachen die neue auf elegantere Weise anzueigenen, bewarben
uns - was für einen Studenten ungewöhnlich war - auf einem Landgericht
als Gehilfe des Gerichtsschreibers, wurden angenommen und erhielten
so unversehens ungeschminkten Einblick in die kunterbunte Justizküche.
Unsere Aufgabe bestand darin, die Verhandlungen mitzustenografieren,
die Protokolle ins Reine zu schreiben und die Urteile zu redigieren.
Der Stoff fing an zu garen.
Eines Nachmittags, die Richter hatten wie üblich im Wirtshaus zu
einem guten Tropfen Roten gespiesen und das obligate Jässchen geklopft,
wurde ein Scheidungsfall verhandelt. Die Anwälte wuschen die dreckige
Wäsche der Parteien. Wir schrieben eifrig mit.
Was hören wir da!? Laut und deutlich schnarcht der dienstälteste
Richter in den Saal hinaus.
Es ist uns nicht ganz gelungen, die gesetzlich vorgeschriebene Würde
des Gerichts zu wahren und die bedrohlichen Schwankungen unserer
Bauchmuskulatur zu zähmen. Einer seiner Kollegen beendete das unbezahlbare
Spektakel, indem er unter dem Vorwand, das Fenster zu öffnen, am
Schnarchenden vorbei strich und ihm einen heftigen Schlag in den
Rücken versetzte.
Von nun haben wir die graue Theorie auf Anhieb verstanden und wir
konnten - zurück in der alma mater - uns zu den wenigen zählen,
welche eine vom Dozenten in die Runde gestreute Frage zu beantworten
wussten. Mit dem bestandenen Examen haben wir das ein ganzes Studium
über uns hängende und unser Leben vergällende Damoklesschwert endgültig
weg gestossen.
Taxichauffeur
Unsere "Ausbildung"haben wir - neben anderen Jobs - vor
allem als Taxifahrer finanziert. Für kürzere oder längere
Zeit hatten wir, eingepfercht in diesen Blechkisten, mit Menschen
aus allen Schichten und Herren Länder zu tun: vom Direktor,
der sich noch keinen eigenen Chauffeur leisten durfte, bis zum Stinkbesoffenen,
der uns sein Elend in die Karre kotzte.
Entlassen! Quo vadis?
Wie wir beobachten konnten, haben unsere Leidensgenossen das Auseinanderklaffen
zwischen gepredigtem Ideal und rabenschwarzer Wirklichkeit unter
anderem mit den Saufritualen in den Studentenburschenschaften überbrückt.
Sie sind zu treuen Staatsdienern avanciert.
Uns lag diese Betäubungsstrategie nicht. Wohl sind auch wir zur
Orgie geschleppt worden. Den peitschenden Trinkbefehlen haben wir
uns jedoch widersetzt.
Unsere Verweigerung bedeutete den Ausschluss aus der Gruppe. Das
war unser Glück. Statt unsere Zeit damit zu vergeuden, in der Herde
zu marschieren und sowohl zivil wie militärisch Karriere zu machen,
zogen wir uns mit dem erklärten Ziel, ausschliesslich über die Zukunft
nachzudenken, ein ganzes Jahr zurück. Das erste halbe Jahr verbrachten
wir in einer Alphütte, wo wir den ersten Grundsatz unseres entstehenden
Freistaates entwickelten: Die Nase in alles hineinzustecken.
Zuerst heuerten wir, um das für das Anwaltsexamen vorgeschriebene
einjährige Praktikum nachweisen zu können, beim erzkonservativen
Gericht einer Provinzstadt erneut als Gehilfe des Gerichtsschreibers
an. Den Gepflogenheiten gemäss wollte uns dieser zu jedem einzelnen
Richter und dem übrigen Personal führen, um uns vorzustellen. Wir
erklärten ihm alsogleich, dass er sich das sparen könne. Wir würden
uns selber vorstellen. Gesagt, getan. Die von uns heimgesuchten
Richter reagierten leicht betreten bis verwundert. Das niedere Kanzleipersonal
freute sich spontan. Am dritten Tag eröffnete uns der Gerichtspräsident,
es sei wohl das Beste, wenn wir wieder gingen. Dank unseres wohldurchdachten
Planes waren wir flexibel genug, ihm seine Idee wieder aus dem Kopf
zu schlagen.
Nach einem halben Jahr bestellte er uns in sein Präsidentenzimmer.
Um die Wichtigkeit des Anlasses zu unterstreichen, sass auch der
Vizepräsident am grossen Sitzungstisch. Es wurde uns vorgeworfen,
unsere Arbeitsmoral sei schlecht, weil wir morgens regelmässig unpünktlich
seien. Das stimme, erklärten wir ohne Zögern, wir würden nämlich
aus Prinzip keinen Wecker benützen, sodass wir immer ausgeschlafen
ans Gericht kämen. Im übrigen sei die Arbeitsmoral der Richter schlecht.
Ihre Pünktlichkeit führe dazu, dass sie schon am Morgen früh mit
ihren Fehlentscheiden das Schicksal der Verurteilten verschlimmerten.
Es wäre daher nur von Vorteil, wenn auch sie sich verspäten würden.
Beide machten einen verdatterten Eindruck. Der Präsident reagierte
wie ein Bilderbuchjurist: Er wies den Vorwurf, eine schlechte Arbeitsmoral
zu besitzen, energisch zurück. Uns sofort fristlos zu entlassen,
kam weder ihm noch dem Vize in den Sinn. Sie standen zu sehr unter
dem Eindruck unserer Worte. Wir halfen dem Gericht aus der Patsche,
indem wir uns ein paar Tage später selbst verabschiedeten. Nach
unseren Berechnungen hatten wir die für das Anwaltsexamen erforderliche
Praxiszeit abgesessen. Das hat sich dann allerdings als Trugschluss
erwiesen.
Als nächstes nahmen wir eine kleinere und die grösste Versicherungsgesellschaft
sowie den grössten Warenproduzenten und -verteiler der Schweiz aufs
Korn.
Drei Jahre insgesamt studierten wir minutiös, unverfroren, ohne
Scheu und Skrupel die Gedärme der helvetischen Plutokratie. Wir
leisteten uns den Luxus, uns an der weltberühmten Eidgenössischen
Technischen Hochschule ein weiteres Jahr lang sämtliche Disziplinen
einer Universität vorführen zu lassen und schlossen unsere Schnüffelei
mit einem halbjährigen Praktikum in der schweizerischen "Entwicklungshilfe"
in Afrika ab. Was die Qualität dieser Hilfe anbelangt, genügt es
anzumerken, dass die Schweiz darunter auch die Scheffelei seiner
Plutokraten in der "Dritten" Welt versteht.
Das stimmt!
Wir haben die Verführung und schamlose Ausbeutung der Urwaldmenschen
mit eigenen Augen gesehen.
"Gib mir einen festen Punkt..."
Wir hatten alles geprüft und kannten sämtliche Gesetze der helvetischen
Plutokratie. Nicht ein einziges haben wir für gut befunden. In einem
Staat leben zu müssen, in welchem jedes Gesetz gegen Dich ist, bedeutet
harte Knochenarbeit. Wir dachten keinen Augenblick daran, uns zu
unterwerfen, sondern suchten nach einer Lebensform, in welcher wir
uns selbst verwirklichen und gleichzeitig effizient Widerstand leisten
konnten. Da jedes Herrschaftssystem jegliche Art von Widerstand
erbarmungslos bekämpft, mussten wir schlau, auf der Hut sein und
mit allem, auch dem Schlimmsten, rechnen.
Das Burgtor der helvetischen Plutokratie hängt in zwei mächtigen
Angeln: der Strafjustiz und der Zwangspsychiatrie. Unseren Hebel
hatten wir dort anzusetzen.
Die Strafjustiz sichert die Eigentumsordnung der Plutokraten ab.
Wer den Tresor knackt, landet im Gefängnis. Auch das Strafgesetz
ist dem Volk mit dem ewig gleichen Trick untergejubelt worden: Die
wenigen Eigentümer haben ihm vorgegaukelt, jeder könne Eigentum
erwerben und damit an der Macht des Eigentums teilhaben. Allerdings
müssten, so machten sie ihm weise, die Diebe mit den Drohungen und
Sanktionen des Strafgesetzes abgeschreckt werden. Verschwiegen haben
sie ihm, dass sie bereits alles Eigentum besassen. Wer auch nur
ein kleines Portiönchen davon wollte oder will, wird sofort in ihr
Spinnennetz gefangen.
Nehmen wir als Beispiel den Hausbesitz. Ein Habenichts hat nicht
die geringste Chance, ein solches zu kaufen, wenn er nicht zuvor
in die Bank der Plutokraten geht und sich dort einen Kredit geben
lässt. Der Zins ist so bemessen, dass aus dem Kreditschuldner in
Perioden von rund fünfzehn Jahren der volle Kreditbetrag tropft
und er gleichwohl noch die volle Summe schuldet. Weil seine übrigen
Verpflichtungen seinen gesamten Lohn auffressen, kann er den Kredit
nie tilgen. Folglich zinst er ein ganzes Leben lang und vererbt
seinen Nachkommen erst noch Schuld und Zinspflicht, sodass auch
diese lebenslänglich angekettet bleiben.
"Das Strafgesetz schützt Euer Leben und Eure Gesundheit",
haben die Plutokraten das Volk gegängelt. Die Heerscharen, welche
in ihren gefährlichen Fabriken und übrigen Unternehmungen, mit den
von ihnen produzierten Vehikeln auf den Strassen und in den von
ihnen durchgeboxten Anstalten ums Leben gebracht oder verkrüppelt
worden sind und werden, beweisen das Gegenteil. Das Strafgesetz
dient den Plutokraten als Vorwand für den mächtigen Polizei- und
Justizapparat, mit welchem sie in erster Linie ihr eigenes Leben,
ihr Eigentum und ihre Ordnung bewachen lassen. Das Volk verschieben
sie wie Zinn im Sandkasten.
Wie sehr sie ihm mit ihrer Propaganda die Augen verdreht haben,
lässt sich an der Reaktion abschätzen, wenn ein Polizist einen Geldräuber
über den Haufen schiesst. Obwohl der Räuber auf offensichtliche
Art genau das tut, was die Plutokraten heimlich treiben, findet
der gewöhnliche Bürger, es geschehe ihm recht.
Noch perfekter als die Strafjustiz befestigt die Zwangspsychiatrie
das Bollwerk der Plutokraten. Wer sich nicht anpasst oder sich ihrer
Ordnung verweigert, wird zum Geisteskranken erklärt, in eine Anstalt
gesperrt und dort gefoltert.
Da praktisch aus jedem Verhalten und jeder äusserung eine Geisteskrankheit
konstruiert werden kann, besitzt die Zwangspsychiatrie den absoluten
Freibrief. Wenn sich einer gar erdreistet, das Gegenteil zu behaupten,
nämlich nicht geisteskrank zu sein, wird ihm Uneinsichtigkeit attestiert.
Die Uneinsichtigkeit wiederum wird als wesentliches Merkmal für
die diagnostizierte Geisteskrankheit bewertet: eine teuflische Falle.
Wir haben uns in der helvetischen Plutokratie als Verteidiger der
Straf-, psychiatrisch und übrigen Verfolgten eingenistet.
Anwaltskollektiv
Mit vier GesinnungsgenossInnen und ebenso vielen Prinzipien gründeten
wir vor knapp zwei Jahrzehnten in der Finanzmetropole der helvetischen
Plutokraten das berüchtigte Anwaltskollektiv: Alle Mitglieder hatten
gleiche Rechte und Pflichten, wir verteidigten nie einen wirtschaftlich
Stärkeren gegen einen wirtschaftlich Schwächeren, unser Honorar
war den sozialen Gegebenheiten unserer Klientschaft angepasst und
jedermann/frau konnte unangemeldet zu uns kommen, um sich beraten
lassen.
Wir zogen sofort die Scharen der Straf-, psychiatrisch und übrigen
Verfolgten, die von den Plutokraten gebeutelten "ArbeitnehmerInnen",
MieterInnen und selbstverständlich die zuständigen Anwaltswächter
an, welche uns wegen "aufdringlicher Empfehlung" zu saftigen
Geldstrafen verdonnerten.
Das Katz- und Mausspiel mit den Plutokraten und ihren Ministranten
hatte begonnen. Die Jagdgründe waren unerschöpflich. Ununterbrochen
hetzten wir in den Angelegenheiten unserer zahlreichen KlientInnen
und in eigener Sache hinter den Potentaten und sie mit ihren Ministranten
hinter uns her.
Da wir unsere Pappenheimer bald einmal bis aufs Mark der Knochen
kennen gelernt hatten, konnten wir unsere Risiken wohl abschätzen
und haarscharf an und über der Grenze so operieren, dass sich Erfolg
und Misserfolg stets die Waage hielten. Nach jahrzehntelanger Erprobung
wurde der Satz, "es ist schlecht, immer zu verlieren, aber
es ist ebenso schlecht, immer zu gewinnen" unserer Staatsräson
einverleibt. Bemerkten wir ein überborden der Erfolge, achteten
wir pedantisch darauf, verlorene Prozesse hinzunehmen und nicht
mehr zu versuchen, sie mit einem weiteren Kniff doch noch zu gewinnen.
In den beiden Erziehungsanstalten hatten wir Respekt und Anstand
mit traumwandlerischer Sicherheit zu beherrschen gelernt. Eiserner
Bestandteil unserer Staatspolitik wurde die Respekt- und Anstandslosigkeit,
welche wir auf ekelhafte Weise zu kultivieren begannen. In präzisen
Dosen verspritzten wir davon gerade soviel, dass es übel vermerkt
werden musste und doch nicht genügte, disziplinarisch gegen uns
einzuschreiten. Gottseidank waren wir jedoch alles andere als perfekt,
sodass es gleichwohl Disziplinar- und andere Verfahren gegen uns
nur so gehagelt hat.
Juristen pflegen sich mit Herr oder Frau Kollega anzusprechen. Wir
nannten alle obstinat beim Namen oder fragten, wenn wir ihn nicht
kannten, zuerst nach ihm.
Zu den Insignien von Justiz und Anwaltschaft zählen Anzug und Krawatte.
Wir kamen mit allen anderen Kleidungsstücken, nur nicht mit diesen
an die Verhandlungen.
Einmal wären wir deswegen beinahe im Knast gelandet. Ein Dealer
aus besseren Kreisen war von der helvetischen Justiz angeklagt worden,
er habe den inländischen Drogenmarkt mit der Einfuhr eines Kilos
Heroin konkurrenziert. Unser Klient wurde in Schale, Krawatte, Lackschuhen
und Handschellen von zwei Polizisten in den Gerichtssaal geführt.
Wir erschienen in unserer obligaten Lotterkluft. Die Debatten zogen
sich in die Länge und die Zeit des Mittagessens. Die beiden im Saal
auf den Zuschauerrängen wachenden Polizisten wurden von zwei Kollegen
abgelöst. Unsere Verteidigungsrede hatten wir bereits beendet, gelangweilt
lümmelten wir auf einem Stuhl herum, derweil unser Klient mit den
justizkonformen Gebärden in perfekter Aussprache, Schale, Krawatte,
Lackschuhen und ungefesselt sein letztes Wort hielt. Vergeblich.
Das Urteil lautete schuldig, der Präsident erklärte die Verhandlung
für geschlossen, unser Klient schritt feierlich zum Saal hinaus,
wir packten unsere Mappe und die beiden neuen Polizisten bewachten
uns hautnah auf Schritt und Tritt. Für sie waren wir der Täter.
Erst als der Präsident sie in heller Aufregung auf die Verwechslung
aufmerksam gemacht hatte - nid dä, der ander döt! -, wetzten
sie hinter unserem Klienten her und konnten ihn gerade noch vor
dem Gerichtsportal in Ketten legen.
Die Anwälte sind, jedenfalls am oberen Gericht, gehalten, sich der
Schriftsprache zu bedienen. Schon bei unserem ersten Auftritt machten
wir ausdrücklich klar, dass wir reden würden, wie uns der Schnabel
gewachsen sei. Wir bedienten uns nach Belieben der Mundart und pflegten
obendrein die freie Rede. Eine Eröffnung mit dem "sehr geehrten
Herr Präsident Komma sehr geehrte Herren Richter Komma sehr geehrte
Frau Gerichtsschreiberin" konnte uns nie und nimmer unterlaufen,
weshalb wir auch nicht, wie jener unglückselige Herr Kollega, nach
Entdecken des Lapsus mit einem verlegenen Lächeln und Verständnis
erheischenden Zucken der Achseln reagieren mussten. Wir weigerten
uns ganz einfach, unsere Reden samt den Interpunktionen in ein Tonband
zu diktieren und alsbald einer Sekretärin zu befehlen, sie fehlerfrei
zu Papier zu bringen. Wir benutzten gar keine Sekretärin.
Unsere Stegreifreden und die damit verbundene persönliche Präsenz
wurden in einer Justizwelt, welche die direkte Konfrontation mit
dem Elend der "Gewaltunterworfenen" schlecht ertrug und
deshalb den reinen, ausschliesslich schriftlichen und damit geheimen
Aktenprozess angestrebt und grösstenteils verwirklicht hatte, überhaupt
nicht geschätzt. Gerade deswegen verlangten wir konsequent die unbequeme
mündliche, öffentliche Verhandlung.
Nicht dass wir etwa ein brillanter Redner wären. Wir hatten mit
Absicht nie eine Sprechschule besucht oder uns in Diktion geübt.
Im Gegensatz zu unseren Schriften, in welchen wir den in unserer
Anstaltszeit eingelagerten Mist und Mumpitz mit Fleiss umsetzen,
sind unsere Reden eigenartig, leberfrisch, donnernd oder schleppend,
unberechenbar und verkehrt.
Was einzig zählt, ist die Tat. Worte anerkennen wir lediglich als
Abfallprodukt einer solchen Tat. Die Tat eines Anwaltes besteht
darin, dass er seinen Klient in den Anstalten besucht, sich mit
ihm verbündet, sich in den Verhören und Verhandlungen neben ihn
stellt, seinen Standpunkt dem Standpunkt seiner Kontrahenten energisch
entgegenstemmt, so dass er ein sicheres Gefühl bekommt und sich
ein selbstbewussteres Verhalten leisten kann, als wenn er mutterseelenallein
gegen die Phalanx seiner Häscher anzutreten hat.
Die Scharmützel mit den Staats- und Justizgewaltigen waren unser
täglich Brot. In einem unserer ersten Plädoyers wurden wir schon
nach wenigen Sätzen vom Präsidenten aufgefordert, zur Sache zu kommen.
Prompt fiel auf ihn zurück, dass wir in der Erziehungsanstalt mit
römischer Literatur malträtiert worden waren. Wir konterten, sein
Einwand erinnere uns an Tacitus, der schon vor zweitausend Jahren
in seinem Traktat De orationibus von jenen Richtern gesprochen
habe, die es mehr mit Macht und Gewalt, denn mit Recht und Gerechtigkeit
gehalten und welche den Verteidiger aufgefordert hätten, zur Sache
zu kommen. Habe dieser aber noch immer nicht zur Sache kommen wollen,
hätten sie ungeduldig bemerkt, sie hätten es eilig. "Von Ihnen,
Herr Meier, haben wir jetzt gerade gehört, wir müssten zur Sache
kommen. Jetzt warten wir nur noch darauf, dass Sie uns sagen, Sie
hätten es eilig."
Alsbald haben wir ungestört weiter palavert. Die Präsidenten waren
nicht zu beneiden. Wohl verstanden sie es, eine Verhandlung zu leiten
und die üblichen Sprüchlein herunterzuleiern. Der Satz, "kommen
Sie zur Sache!", genügte in der Regel auch vollauf, um eine
eilfertige Entschuldigung des Verteidigers auszulösen. Darauf aber,
dass dieser zurückschlug, waren sie meist nicht gefasst und deshalb
überfordert, den Schlagabtausch fortzusetzen.
Wir jedoch übten konsequent das Pingpong-Spiel. Gegen die hartnäckigeren
unter den Präsidenten, welche auch nach unseren Zurechtweisungen
keine Ruhe geben wollten, fiel uns immer wieder irgendetwas Verzwicktes
ein: "Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Sie uns eine Ordnungsbusse
aufbrummen oder Anzeige bei den Anwaltswächtern erstatten können.
Wir werden dann im entsprechenden Rechtsmittelverfahren überprüfen
lassen, ob Sie hier nicht einen ausgesprochenen Parteistandpunkt
vertreten". Nur selten wurden wir zum Satz gezwungen: "Sie
können uns ja das Wort entziehen. Dann allerdings platzt die Verhandlung!"
Keiner wagte es.
Heute reden wir, wenn es Uns gefällt, über die Stunde hinaus und
verlangen seelenruhig einen weiteren Termin zwecks Fortsetzung der
Verhandlung. Unterbrechungen durch die Präsidenten sind uns höchst
willkommen geworden, ja wir ermuntern sie gar dazu: "Es ist
doch besser, in einen Dialog zu treten, als dass wir in diesem modrigen
Gerichtssaal dazu verdammt sind, unsere perversen Monologe zu zelebrieren."
Liegt ein besonders kräfteraubendes Scharmützel in der Luft, decken
wir uns mit genügend Ess- und Tranksame ein. Wir füllen im Saal
unser Glas und vergessen nicht, auch dem Gericht einen Schluck anzubieten.
Dieses ist seltsamerweise nie durstig. Während wir mit den Stimmorganen,
wozu wir auch die Zunge zählen, die notwendigen Laute erzeugen,
schieben wir mit ihr gleichzeitig eine Banane oder sonst etwas Leichtverdauliches
zwischen die Zähne, zerquetschen das Futter, schlucken es und können
so locker jeder Verschärfung des Getümmels begegnen.
Unvergesslich sind uns die Erlebnisse mit unserer jüngeren Tochter,
welche, wenn gerade unsere Hausmanns- und Advokatenarbeit kollidierten,
uns öfters nicht nur ins Büro, sondern auch ans Gericht begleitete.
In einer Verhandlung, wir waren gerade am Plädieren und sie hatte
schon unsere Hälfte des durch die Schranke zweigeteilten Saales
abgeklappert, an den Vorhängen gezupft und sonst allerlei Schabernack
getrieben, schlüpfte sie durch eine Lücke auf die andere Seite und
wurde unvermittelt der ihr vorher verdeckt gebliebenen, auf ihren
Sesseln thronenden Richter gewahr. überrascht blieb sie stehen,
strahlte über das ganze Gesicht und begann, die Herren auf Kauderwelsch
zu beschwatzen. Weil in keiner Prozessordnung steht, was in einem
solchen Fall zu tun sei, blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit
steinernen Mienen abwechselnd auf sie und auf uns zu gucken. Kaum
vorzustellen, wie sie reagiert hätten, wäre unsere Tochter nicht
zurück-, sondern um ihre Hosenbeine gekrochen.
Unser Antrag auf Unterbrechung der Gerichtsverhandlung zwecks Wechseln
der Windeln hat Justizgeschichte geschrieben.
Unsere Strategie ist selbstverständlich streng kalkuliert. Mit unseren
Reden verdriessen wir das Gericht, heizen gemächlich seine Empörung
und Aggressionen gegen uns selbst an und fangen es so in einen natürlichen
Reflex ein. Niemals nämlich kann es sich alsbald noch gestatten,
seine Wut an unserer Klientschaft auszulassen. Die Verstrickung
führt zum günstigen Urteil.
Um sich dies nicht eingestehen zu müssen und uns trotzdem eins auszuwischen,
hat die Fama der Richter verbreitet, neben den gesetzlichen Strafmilderungsgründen
existiere ein weiterer: durch uns verteidigt zu werden. Was sie
als Herabminderung, könnten wir als Kompliment auffassen. Da wir
indessen als unser eigener Souverän von keinem Urteil irgendeiner
irdischen Instanz mehr abhängig sind, ist uns Lob und Tadel einerlei
geworden.
Während der gewöhnliche, dem Gericht in Gutkindart die Abschrift
seines Diktats überreichende Verteidiger gleich zu Beginn seines
Ablesens beantragt, sein Klient sei schuldig zu sprechen und angemessen
zu bestrafen, fassen wir den Gerichtsschreiber scharf ins Auge und
ermahnen ihn, er solle notieren, die Verteidigung stelle ausdrücklich
keine Anträge. Wir wollen überrumpeln, die Zeremonie stören.
Auch was wir zur Sache selbst zu sagen haben, war und ist unbeliebt.
Ein Buchstabe beispielsweise des helvetoplutokratischen Strafgesetzes
zwingt den Richter, die Strafe nach dem "Vorleben" des
Täters zuzumessen. Selbstverständlich handelt es sich um einen dieser
toten Buchstaben. Würde er belebt, würde, wie wir unverhohlen zum
Ausdruck zu bringen pflegen, diese feine Gesellschaft alsogleich
zusammenkrachen, weil unübersehbar würde, dass alle am Vorleben
der zukünftigen Täter ihren gewichtigen Anteil haben, sodass die
ganze Bande vor dem Richter zu stehen und nicht ein Einzelner die
Zeche für die Geschehnisse und Versäumnisse allein zu zahlen hätte.
Unsere Methode, der Justiz ihre Kunst des Verdrängens zu verleiden,
ist simpel und eindrücklich zugleich. Während der Staatsanwalt seine
flammende Anklagerede hält, notieren wir die Zeiten, welche er je
für den Tathergang und die Biographie des Täters aufwendet. Sind
wir an der Reihe, lassen wir uns, erster Affront, vom Gericht die
Akten reichen, klauben daraus das winzige Personaldossier unseres
Klienten heraus und legen es demonstrativ neben den Aktenberg zur
Tat selbst. Ausserdem zupfen wir frühere Urteile hervor und zählen
dort die Zeilen und Seiten zur Person und zu den Taten unserer Klientschaft
ab.
Die Resultate sind jedes Mal verheerend für die Justiz. Hat die
Tat fünf Minuten gedauert und ist der Täter zwanzig Jahre alt, reden
die Ankläger, die von Gesetzes wegen verpflichtet wären, den be-
und entlastenden Umständen mit gleicher Sorgfalt nachzuforschen,
eine Minute zur Person und eine Stunde zur Tat. Das wenige Millimeter
dicke Personaldossier besteht aus lauter Formularen, aus welchen
hervorgeht, dass der Täter Eltern, allenfalls Geschwistern hat und
zur Schule gegangen ist. In den Urteilen nimmt das Vorleben ein
paar Zeilen, die Tat ganze Seiten ein.
Die Vorbereitung unserer Verteidigung besteht zur Hauptsache darin,
das Leben unserer KlientInnen minutiös zu recherchieren und es im
Gerichtssaal breit zu walzen. Danach erklären sich ihre Taten von
selbst als logische Folge aller Erbärmlichkeiten und Frustrationen,
welchen sie in ihrem bisherigen Leben ausgesetzt gewesen sind.
Die klassische Laufbahn beispielsweise der praktisch ausschliesslich
männlichen Eigentumsdelinquenten beginnt im Elternhaus. Der Vater
ist ungebildet und dazu verurteilt, als Fabrikarbeiter und dergleichen
die am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten zu verrichten. Seinen
Verdruss lässt er im Suff und nach Verlust der Kontrolle an der
Familie aus. Der Sohn kann in der Schule mit gar keiner Unterstützung
rechnen. Die Eltern, redeungewohnt, scheuen das Gespräch mit dem
verbildeten Lehrer. Die eigene Schulzeit liegt ihnen selbst noch
auf dem Magen. Didaktisches Geschick besitzen sie keines. Der Sohn
rutscht langsam zum Schwanz der Klasse ab. Um gleichwohl etwas zu
gelten, unterhält er die Mitschüler mit originellen und frechen
Streichen. Die wiederum passen überhaupt nicht in den Schulbetrieb.
Statt, wie die Klassenbesten, beständiges Lob, heimst er lauter
Tadel ein. Und schon wir er zum Sündenbock. Die ersten Peinlichkeiten
- Verwarnungen, Repetition der Klasse - zementieren die Verhältnisse.
Die Jahre verstreichen. Die Kameraden brechen auf. Der Sohn des
mittleren oder höheren Kaders kurvt schon mit einem Töffli in der
Gegend herum. Eine solche Anschaffung liegt in seiner Familie nun
überhaupt nicht drin. Unseren Jüngling juckt's schon ganz schön
in den Fingern. Seine ordentlich trainierte Frechheit besorgt den
Rest. Elegant schwingt auch er sich ohne Ausweis auf das fremde
Motörchen - leider ohne die geringste Ahnung polizeilicher Effizienz.
Er wird geschnappt und landet im Erziehungsheim. Die Türen für eine
„bürgerliche“ Laufbahn werden schottendicht. Bald wird er mit uns
zusammen vor die Schranken des Gerichts treten und dort mit einiger
Verwunderung mitverfolgen, wie wir nach der Ausbreitung seiner Lebensgeschichte
auch noch die Biographie des Gerichtspräsidenten auseinandernehmen
und zum letzten Satz ausholen: "Wenn Sie, Richter Meier, in
das Milieu unseres Klienten hineingeboren worden wären und er in
Ihres, sässen Sie jetzt auf der Anklagebank und er dort oben auf
Ihrem Podest".
Wir brauchen wohl kaum noch eigens erklären zu müssen, dass ein
solch konsequentes und allseitiges Umdrehen des Spiesses die Sache
auf den Punkt bringt. Die Gegensätze erscheinen als das, was sie
sind: Unüberbrückbar. Alsbald können wir es uns ersparen, unsere
Zeit mit diplomatischen Floskeln zu verplempern.
An den Hunderten uns bekannter Schicksale nachmaliger Straftäter
und deren sich wie ein Ei dem anderen gleichenden sozialen Verhältnisse
zerplatzt die von den Schreiberlingen der Plutokraten unablässig
verkündete Doktrin, die Täter seien alleinverantwortlich. Gegenteils
ist die Eigentumsdelinquenz - neben dem Drogenproblem Hauptharst
der "Kriminalität" - die unmittelbare Folge der herrschenden
Eigentumsordnung. So wie die Plutokraten ihre Diktatur als Volksherrschaft
getarnt haben, müssen sie zur Vollendung ihres Betruges lückenlos
alles und eben auch, weil sie eine falsche Eigentumsordnung hüten,
die hauptsächlich von ihnen zu verantwortende Delinquenz in jenen
Zusammenhang rücken, welcher für sie am günstigsten ist: Die Schuld
wird den anderen in die Schuhe geschoben und sie selbst waschen
ihre Hände in Unschuld.
Am schärfsten weht der Wind in der Zwangspsychiatrie.
Wir erinnern uns noch an eine unserer ersten Klientinnen, welche
die Beratungsstelle des Anwaltskollektivs, kaum war sie eröffnet,
aufgesucht und erklärt hat, sie habe eine Vorladung vom Stadtarzt
bekommen. Wir anerboten uns, sie zu begleiten. Zu zweit sprachen
wir beim Besagten vor. Etwas erstaunt wurde unsere Anwesenheit vermerkt.
Wohl deswegen wurden wir überaus höflich gebeten, Platz zu nehmen
und in eine belanglose Diskussion verwickelt. Nach ca. fünf Minuten
öffnete sich die Tür und zwei schwergewichtige Männer mit weissen
Kitteln betraten den Raum. "So, Frau G.", erhob sich der
Arzt, "ich muss Sie jetzt leider in die psychiatrische Klinik
einweisen."
Das wäre denn auch mit Sicherheit geschehen, wären wir nicht mit
von der Partie gewesen. Auch wir erhoben uns ruckartig und forderten
den Arzt forsch auf, sich mit uns ins Nachbarzimmer zu begeben.
Er folgte | |